Was bisher bei ‘Der Wunsch‘ geschah:

Teil I – Der verwunsche Wunsch

Teil II – Nev brechtu, Druid! Cluto-Cluto Urtucis

Teil III – Jugendlicher Wahn

Teil IV – Im Angesicht des verfluchten Wunsches

Teil V – Halloween 2021

Teil VI – Druide Abancos und Kaiser Konrad II

Teil VII – Der Firk

Teil VIII – Die Geheimnisse des Stadtarchiv

Teil IX – Des Grafen grausames Geschäft

Die Geschichte von Waller berichtet vom grausamen Grafen, der die kleinen Leute foltern und hinrichiten ließ. Es findet sich eine blutige Stelle in der Geschichte vor 491 Jahren, als der Graf die Reformisten mithilfe des Firken ausmachte und diesen dann ausgestrickste. Die gewählte Lösung stellt das Quartett jedoch vor unverhoffte Probleme mit einer Leiche.

Teil X – Die Leiche für den Firken


Es war abzusehen, dass sich die Polizei auf Dagos konzentrieren würde und fürwahr folgen die beiden Gesetzeshüter ihren Verdächtigen Dagos und Silke hinter den Stadtsee, wo sie auf romantischen Bänkchen im Grünen und doch ein bisschen versteckt sitzen.

Auf der anderen Seite der Altstadt, wo der große Parkplatz liegt, steigt Kendra fluchend in ihren Wagen ein: „Ich kann es nicht fassen, dass ich das mache. Wieso lasse ich mir immer wieder Befehle von diesem Deppen erteilen.“

Vom Knallen der Autotür übertönt, brüllt sie ein: „Dass ich mich immer wieder einlullen lasse von dem Typen, verdammte Kacke!“

Von diesem Geist beschwingt, pfeifen einige Steine durch die Luft als Kendra losfährt.

Silke und Dagos inszenieren ein Streitgespräch, welches sich aus einem vermeintlichen Liebesgeplänkel entwickelt. Spielerisch lässt Dagos das Szenario eskalieren und schließlich werfen sich die beiden Dinge an den Kopf, die sie aus ihren bisherigen Leben kennen. Die Authentizität des Gesprächs wird durch Silkes pubertäre Einwände gestützt. Beide Beamte lauschen dem Gespräch mit einer gewissen Freude.

Für Dagos unerwartet und für Silke aus einem ihr unerfindlichen Grund überkommt die Verwunschene der Wunsch, ihr streitendes Gegenüber mit einem Kuss zu beruhigen. Sie weiß nicht, warum sie das tut, aber etwas gefällt ihr an Dagos. Vielleicht seine Hilfe, aber auch ein gewisser Charme, den er sein Eigen nennt. Geradezu süß befindet Silke Dagos zurückhaltende Art und bestärkt sie in dem Gefühl, ihn zu mögen. Zunächst erwidert Dagos den Kuss, denn Silkes jugendliche Attraktivität hat in Dagos ein Bedürfnis geschaffen, dem er aber gedanklich die Tür gewiesen hat.

Der nur anfangs erwiderte Kuss erhöht in Silke den Wunsch nach mehr. Als Dagos sich dem entzieht, macht Silke ihm eine Szene, welche die Schauspieleinlage unterstreicht.

Dagos schiebt sie von sich, denn er setzt damit das aufs Spiel, wonach er sich insgeheim seit Jahren sehnt – eine zweite Chance bei seiner großen Liebe namens Kendra.

„Ich … Silke, Du bist zweifelsohne eine sehr attraktive Frau, aber mein Herz gehört Kendra.“

Weder Silke noch Dagos wissen um die Ernsthaftigkeit und den Drohgehalt des Satzes, den Silke anschließend äußert: „Ernsthaft? Obwohl Du weißt, was meine Wünsche bewirken können?“

Derweil schnappt sich Kendra einen Arztkittel aus einer der chronisch unterbesetzten Stationen und schreitet mit einer
Selbstverständlichkeit schnell die Gänge des Krankenhauses entlang, die die Leichenhalle zum Ziel haben. Sie eruiert die Frage, ob sie ihren Job als Pflegerin oder als Druidin ausführen wollte, und legt ihr Gesicht in Sorgenfalten.

Dank ihrer Tätigkeit als Pflegerin weiß sie um die Abläufe in einem Krankenhaus und wie man sich unauffällig verhält. Hektik, so ihre Überlegung, ist die Grundhaltung in diesem Beruf. Doch diese Vorgehensweise der Täuschung hat irgendwo eine Schwachstelle. Für Kendra war diese Schwachstelle eine Aufsichtsperson auf der Station.

Schon von Weitem beobachtet die etwas korpulente Frau Gruber ihren bisher einzigen Gast in der Leichenhalle. Sie erwartet Familienangehörige oder den Pathologen zur Obduktion, deshalb sitzt Monika Gruber an diesem Abend hier. Monika ist neu und bessert mit der Nebentätigkeit als Hilfskraft im Krankenhaus ihre schmale Rente auf.

„Sie warten bestimmt auf den Pathologen. Überstunden schieben, ne?!“, fragt Kendra in einem verbrüdernden Ton und weiß nun aufgrund des nickenden Schnaufens, dass die Leichen hier sind.

„Ich bin die Prosekturgehilfin. Mich hat man aus einem wunderschönen Nachmittag mit meinem neuen Freund geholt. Ich hatte ein romantisches Dinner auf der Veitsburg vor.“ Kendra verdreht die Augen und kopiert damit ihre vermeintliche Kollegin, die diesen Satz in dieser Manier aber mit anderen Örtlichkeiten formulierte.

Die Aufsicht in Form von Monika hört der Geschichte von Liebe und Romantik andächtig zu. Nickend fordert Monika mehr davon ein. Kendra kommt dem nach und malt das erfundene Date mit übertriebenen Vorstellungen aus. Sie schließt den Schwindel mit: „Hier zu sitzen ist bestimmt langweilig. Gönnen Sie sich eine Pause. Ich bin ja erst mal hier, falls unerwarteterweise doch noch was passieren würde.“

Das nimmt Monika dankend an und verspricht mit einem Kaffee zurückzukommen, was Kendra etwas Zeit gibt. Sie sprintet auf leisen Sohlen in die ausgewiesene Kühlkammer und sucht, die Kühlschränke aufreißend, nach den frisch Verstorbenen.

Als sie fündig wird, zieht sie die Kühlschublade bis zum Anschlag auf, um die Leiche zu entnehmen. Ohne sich ihre Tat bewusst zu machen, setzt sie die Leiche in einen Rollstuhl.

Sie rollt den leblosen Körper unter wenigen überraschten, aber nicht misstrauischen Blicken zu ihrem Auto auf dem Parkplatz. Sie simuliert ein Gespräch mit der Leiche und wartet auf einen unbeobachteten Moment. Mit vollem Körpereinsatz wirft Kendra den leblosen Mann in ihr Auto und rollt den Rollstuhl nonchalant ins Gras, wo er stehen bleibt. Der Motor läuft, der Wagen ist ausgeparkt, niemand hindert sie am Losfahren. Mit jedem Meter, den sich Kendra vom Krankenhaus entfernt, beruhigt sich ihr Puls. Sie schmiedet den Plan, die Leiche auf dem gleichen Weg zurückzubringen, und niemand würde je Notiz davon nehmen. Die Uhrzeit auf der Instrumententafel informiert Kendra, dass es noch gut eine Stunde bis zum Sonnenuntergang dauert. Kendra informiert Dagos über ihren Erfolg und steuert die verabredete Stelle an, wo Silke und Dagos mit dem Aufbau des vermeintlichen Sets begonnen haben. Dieser Anblick bringt Kendra zum Schmunzeln, denn der Clou scheint aufzugehen. Diese Geschichte könnten sie noch ihren Kindeskindern erzählen.

Noch beäugen die beiden Beamten lediglich das Vorgehen am Ufer des Stadtsees in Waller. Sie sind fest davon überzeugt, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis sich die Verdächtigen selbst verraten, auch wenn sie ihr Vorhaben in aller Öffentlichkeit stattfinden lassen. Die Polizei wird zur rechten Zeit vor Ort sein, das motiviert Fritz und Franz.

Die Dämmerung bricht bereits über das Land herein und der aufkommende Nebel verspricht eine schlechte Sicht. Der See war schon seit dem Nachmittag fest in seiner Hand. Ein Anblick, für den Dagos leider zu wenig Zeit hat. Stattdessen sorgt er sich um die Inszenierung der Leiche. Für einen tatsächlichen Filmdreh ist das Licht mit den paar Lampen ungeeignet, was die Posse durch eine professionelle Meinung entlarven würde. Aber das kam noch nie vor. Der letzte Hauch von Normalität huscht in Form kostümierter Kindertrupps über den Platz, welche unter Androhung eines Streichs Süßigkeiten erpressen. Die leere Drohung löst in Dagos eine entscheidende Frage aus: Wenn der Streich kommt, wenn also die Drohung umgesetzt wird, was geschieht dann? Das führt ihn unweigerlich zu der Frage, was geschehen wird, wenn der Puca bemerkt, dass ihm ein Streich gespielt wurde?


Gerade als er die Gedanken zur Diskussion stellen will, verlangsamen die Menschen um Silke, Kendra und Dagos herum ihre Schritte. Ihre Stimmen verzerren sich ins Aus und die Welt kommt zum Stehen. Aus diesem seltsamen Stillstand erfolgt die Nichtexistenz. Wie Geister der Vergangenheit lösen sich die Menschen, die Tiere und das gesamte Umfeld ins Unsichtbare auf. Von der Welt bleibt nur dieser kleine Flecken Erde. Für Dagos geschieht das innerhalb von Minuten, doch die analoge Uhr auf seinem Gelenk läuft ungewöhnlich schnell. Es ist der Beweis für einen Dimensionsriss, denkt Dagos freudig, bis er den Puca entdeckt.

Dagos wollte den anderen noch mitteilen, dass dieser Kobold den Menschen individuell erscheint und jeder ein anderes Abbild betrachtet. Jeder sieht ihn so, wie es der Puca will.

Für Silke erscheint er als der rothaarige Pumuckl in einem grüngetünchten Kostüm im Schick des 18. Jahrhunderts, dessen unvergleichbare Merkmale die goldenen Schnallenschuhe und das Rüschenhemd sind. Das Gesicht jedoch ist seltsam deformiert und im Zentrum durch eine dunkle Abwesenheit von Farbe gekennzeichnet.

Dieses nebulöse Gesicht sieht auch Kendra, die ihn als die wahrgewordenen Beschreibungen alter Legenden betrachtet. Wie die Chroniken es berichten, erscheint Puca von einem Schatten oder einem dunklen Schein umgeben. Seine Augen sind falsch und böse, und seine Gestalt ist nicht richtig zu fokussieren. Sein Gang ist zitternd wie der eines alten Mannes, doch er kann die Position schneller verändern als irgendwas auf dieser Welt.

Auch Dagos erblickt einen Kobold, wie er ihn sich immer vorstellte. Klein und fürchterlich flink wie eine krankheitsverbreitende Ratte, die Dagos so fürchtet. Beim zweiten Blick ähnelt der Firk aber auch einem Gartenzwerg, aber mit ausgestreckten Froschbeinen vor einem wehenden Umhang und dem Oberkörper eines Ziegenbocks.

Der Firk mustert die drei Anwesenden. Unvermittelt steht der Firk von einem Moment auf den nächsten hinter dem ungläubigen und wortlosen Trio. Er nimmt die Leiche in Augenschein. Unter den sorgenden Augen der drei geht der Puca auf sie zu und tastet sie ab. Er setzt mit dem Schlund seines Gesichts an den Haaren des Toten an. Als sich der Puca erhebt, ist der Leichnam bis auf die Knochen ausgemergelt, als wären alle Körperflüssigkeiten entzogen worden. Die Haut und die Augen der Leiche waren eingefallen, wie es Silke von ihrem toten Mann kennt. Silke schließt die Augen und hofft, dass alles vorüber geht, während Dagos von der Situation überfordert nur starr vor dem inneren Entsetzen folgt. Derweil überlegt Kendra, wie sie die Leiche wieder zurück ins Krankenhaus bugsieren kann.

Allen gemein ist das markerschütternde Gefühl, der Macht des Kobolds ausgeliefert zu sein, und die Gewissheit, eine Kraft herauszufordern, die das menschliche Leben durch Berührung aussaugen kann.

Mit einem weiteren unsichtbaren Sprung kehrt der Puca an den Ort zurück, an dem er erschienen ist. Ein weiteres Mal prüft er die ratlosen
Gesichter der drei Menschen, die seinem höllischen Vorhof beiwohnen. Silke entzieht sich dem Blick des Firken, denn sie hat die Augen fest verschlossen. Bibbernd beißt sie auf ihre Lippen und hofft auf ein schnelles Ende dieser dämonischen Begegnung. Des Kobolds Aufmerksamkeit wandert zu Dagos, der ihn mit einem starren Blick fixiert, und schließlich erwidert Kendra einen interessierten und zitternden Blick. Diese Art von Blick, den ein Druide haben würde. Der Kobold spricht zu Kendra: „N’trugmo foi, Druid.“

Angewidert von der Welt blickt er sich um und verschwindet unter den immer noch schweigenden Mimen des Trios.

Mit einem simulierten „Blop“-Geräusch, das nur in den Köpfen der drei erhallt, entschwindet der Kobold dieser Welt. Silke ist immer noch jung und das Zusammentreffen der übernatürlichen Art nähert sich dem erhofften, faszinierenden und sorgenvollen Ende.

Der Puca auf Wikipedia

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Ich bin Cobromaro, Schüler des Attrebcottus - des großen Druidenmeisters und Kenners des Ululators. Ich wurde von den Göttern berührt. Ich bin Druide, Vates, Drumaros, Bezwinger von Rom, Kenner der Heilgewächse im Namen von Epona, Offenbarter der Macht des Sonnengottes Lugh, genannt Feuerlehrling, Kenner des Geheimnisses des Gottes Taranis und schreibender, gottloser Philosoph.

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