Was bisher bei ‘Der Wunsch Teil I‘ geschah:


Silke Eichmann sieht den Grund für ihre Probleme bei ihrem Mann Frank. Sie macht ihn für den Verlust ihrer besten Jahre verantwortlich. Sie hadert mit dem Weltenlauf und ihrer Rolle darin. Die Therapie bei Dr. Glücklich verschafft ihr nicht die erhoffte Lösung, sondern erhöht die Belastung für Silkes inzwischen zartes Nervenkostüm. Als sie am 30. Oktober nach Sonnenuntergang an einem heiligen Ort steht, löst sich ein flehentlicher Schrei in ihr, der insgeheim einen Wunsch enthält und welcher die Erde scheinbar zum Stillstand bringt.

Teil II – Nev brechtu, Druid! Cluto-Cluto Urtucis


Ungläubig ob der Vorgänge prüft Silke ihre Verfassung. War sie verrückt geworden? Sie weiß, dass sie träumt. Dennoch fühlt es sich so seltsam real an. Wann war sie denn ins Bett gegangen oder ist dieses Erlebnis die Konsequenz eines Blackouts? Diese Welt, diese Bilder müssen doch ihrer Fantasie entsprungen sein, denn die Szene erfüllt alle Kriterien eines Albtraums. Silke spürt den warmen Atem einer Person auf ihrem Hinterkopf. Die Stärke des Atems und eine spürbare Nähe verdeutlichen Silke, dass jemand oder etwas dicht hinter ihr steht. Silke wird augenblicklich klar, warum die Rehe im Scheinwerferlicht wie angewurzelt stehen bleiben – sie hoffen, es geht einfach vorbei und wenn ich mich nicht bewege, dann sieht es mich nicht. Doch eine raue Stimme nimmt ihren Weg durch diese Welt in Silkes Gehörgang. Es klingt wie ein leises Säuseln, das eine unverständliche Kakophonie darstellt. Silke schließt die Augen, um sich ganz auf die Worte zu konzentrieren. Sie erkennt eine Wiederholung und beim dritten Mal glaubt sie die Worte „Nev brechtu, Druid! Cluto-Cluto Urtucis“ zu vernehmen. Sie öffnet die Augen und erblickt die normale Welt, nur viel dunkler als noch vor wenigen Minuten. Der Mond scheint durch die verhangene Wolkendecke des Firmaments, als stelle er Silke ins Rampenlicht. Aber der Spukmoment scheint vorbei zu sein. Die Blätter fallen wieder von den Bäumen, die Tierwelt quäkt in der Dunkelheit und die Menschen gehen ihren Dingen Silke nicht beachtend nach. Nichts war passiert. Alles ist normal. Sie schüttelt sich ob der gruseligen Szene, die sie sich sicherlich eingebildet hat. Das ist doch kein Zeichen einer Störung? Silke gibt diesem Halloween-Fest die Schuld. Die vielen Gruseleffekte, das musste sich doch irgendwie verfangen. Aber der Blick auf die Uhr verrät, es ist bereits nach 21 Uhr. Gut drei Stunden waren vergangen.

Das, beschließt Silke, kann sie niemandem erzählen. Schon gar nicht ihrem Mann. Der weist sie noch in eine Nervenheilanstalt ein. Vielleicht erzählt sie es einfach ihrer Therapeutin Dr. Glücklich in der nächsten Woche. Nein, stellt Silke fest. Das hat nie stattgefunden, das weiß sie auch und daher muss es auch niemand wissen. Das wäre vielleicht doch zu schräg. Die Gedanken brennen mit ihr durch und eskalieren in einen Blick in die Zukunft, in der sie einen Ruf als Hexe oder gar als Aliengläubige erleidet. Womöglich würde sie noch im Fernsehen erzählen, dass sie von Aliens entführt wurde. Frank würde sie für verrückt erklären lassen und ihr das Sorgerecht über ihren Sohn Ben entziehen. Niemals würde das Silke passieren. Sie beschließt den Felsstein des Schweigens über den Vorfall zu schieben, der niemals und unter gar keinen Umständen entfernt werden darf. Die oberste Maxime lautet: Schweigen.

Silke nimmt ihre Hände vom Geländer, das tiefe Furchen in der Haut hinterlassen hat. Sie sieht die noch immer bluttropfende Wunde, kramt nach einem Taschentuch in ihrem Täschchen und reinigt ihre Hände. Die Spur des Bluts folgt dem Geländer, von wo es in den See tropft. „Nun ist meine DNA auch noch am Tatort“, belustigt sie sich mit der Vorfreude auf den Tatort, der am morgigen Sonntag wieder zu sehen sein wird. Sie säubert ihre Fingernägel und macht sich schnellen Schrittes auf zu ihrem Auto.

Mit dem Elan des Fliehens steigt Silke in ihren SUV, in dem sie hoch genug sitzt, um das Gefühl von Sicherheit zu erhaschen. Sie startet den Motor, parkt doch recht beschwingt aus und gibt mehr Gas, als sie es gewöhnlich tut. Doch der kleine Wagen vor ihr scheint alle Zeit der Welt für sich gebucht zu haben. Der Platz in der zu einem Parkplatz umfunktionierten Sackgasse und ihre Fahrzeuggröße erlauben keinen großen Spielraum, um die Szenerie zu umfahren. Doch Silkes Geduld ist bereits am Ende des Erträglichen angekommen. Es ist kalt, es ist dunkel und es ist genug, konstatiert Silke. Es braucht nicht mehr viel, bis sie ihre Fassung zu verlieren droht. Sie hebt die Hand über das Lenkrad, um mit voller Eindringlichkeit ihr Recht, weiterfahren zu dürfen, hupend durchzusetzen. Die Bremsleuchten des blockierenden Kleinwagens leuchten auf. Offenbar, so Silkes Eindruck, besteht auch noch ein Unwille, aus der Bahn zu gehen. In ihrer Erregung über so viel Dreistigkeit überlegt Silke sogar, sich vorbeizuquetschen. Doch sie ist nicht bereit, dieses Risiko einzugehen. Quälend lange Sekunden werden zu Minuten und diese wollen auch nicht vergehen. Nichtsdestotrotz gibt der Wagen die Strecke nicht frei. Alle Verantwortung von sich weisend, bricht Silke die Regeln des Anstands und drückt die Hupe länger, als sie vorhatte. Sie erschreckt selbst ein wenig darüber. Doch der Kleinwagen bewegt sich nicht und hält Silke in ihrem SUV gefangen. Weitere Minuten ihrer Lebenszeit gehen verloren, deren Verschwendung sie nicht mehr einfach zusehen kann. So weicht allmählich das schlechte Gewissen bezüglich des Hupens der Idee, das Spiel um eine Eskalationsstufe zu erhöhen. Sie hat nicht wenig Lust, auszusteigen, um dem angedachten Opa in dem Auto zu erklären, wo sich das Gaspedal befindet. Aus der Idee wird ein Drang und dem gibt Silke schließlich nach. Mit einem entnervten „Na gut!“ reißt Silke die Tür auf und macht einen Satz aus dem höher gelegenen Fahrzeug. Die Scheinwerfer ihres Wagens leuchten den Kleinwagen vor ihrem SUV gut aus. Sie weiß noch nicht, ob sie den alten Mann anschreien oder höflich bleiben soll. Doch als sie den Fahrer des blockierenden Kleinwagens erblickt, ist sie überrascht. Nur langsam dreht der am Steuer sitzende Mann seinen Kopf, dessen Gesicht im Dunkel des Wagens nicht auszumachen ist. Das seltsame Verhalten des Mannes wirkt befremdlich auf Silke, aber der aus der Aggression geborene Mut stärkt ihren Willen, zu bleiben. Als der Mann endlich sein Antlitz preisgibt, befindet ihn Silke für attraktiv. Mit einer Vorsicht, als würde er explosives Nitro-Glycerin in der Hand halten, steigt er aus dem Auto aus. Es dauert Minuten, bis der Mann in voller Höhe vor seinem Auto steht. Sein Blick haftet während der ganzen Zeit auf Silke. Als er steht, senkt er seinen Blick verschüchtert ab. Der seltsame Mann, so ordnet Silke ihn ein, kann ganz offenbar keinen Kleidungsstil vorweisen, was Rückschlüsse über die finanzielle Lage gibt. Über all das konnte Silke hinwegsehen und sah einen attraktiven Mann vor sich. Sie versteht nicht, wieso sie ihn so alt findet, schließlich scheint er sogar etwas jünger zu sein. Aber etwas, sie kann es nicht zeigen oder beschreiben, etwas erinnert Silke an ihre Jugend – ein neues und doch sehr wohlbekanntes Gefühl. Nostalgische Verklärungen tropfen von den Wänden der Erinnerungen ihres Gedächtnisses. Das lässt ihr Herz grundlos triumphieren und atmet die Luft der Jugend, als würde dieses Leben voller magischer Momente der Entdeckungen wieder vor ihr liegen. Hitzewallungen wie Hormonumstellungen durchlaufen ihren Körper, als der Mann lächelt und sich vorstellt: „Mein Name ist Dagos. Ich weiß, Sie werden das jetzt nicht ernst nehmen. Aber sie haben einen schrecklichen Fluch ausgelöst. Sie haben an der heiligen Stelle der Urahnen …“

Dagos weiß um die Wirkung seiner Worte und belächelt sich selbst, bevor er mit ernster Miene fortfährt: „Sie haben einen Wunsch geäußert und es geschafft, damit Puca herbeizurufen. Ich weiß nicht, wieso, aber sie haben es geschafft. Sie waren an einem heiligen Tag an einem heiligen Ort, nicht wahr?“

Silke versteht wohl die Worte, doch deren Bedeutung erschließt sich ihr nicht. Mit jedem Moment, den sie länger dasteht, verstärkt sich ihr Alarmsignal. Die Meinung, dass mit dem Mann womöglich etwas nicht stimmt, beginnt, sich als Fundament zu festigen. Schon die Erscheinung des Mannes macht Silke stutzig. Der Verstand, so Silke, muss hier die zarten Verlegenheitsgefühle mit Skepsis überlagern. Seine eher zerschlissene Kleidung, seine analoge Armbanduhr und die schlecht frisierten Haare, deren Fülle bereits nachließen, erzeugen bei Silke kein Vertrauen. Der Vertrauensvorschuss der Attraktivität schmilzt binnen Sekunden ab. In der weiteren Konsequenz färbt sich der Sachverhalt wieder in Angst.

„Okay! Das … Okay. Ich verstehe.“


Silke zieht sich ohne schnelle Bewegungen in ihr Auto zurück. Das soll man in bedrohlichen Situationen so machen, hörte sie einst in einem Film. Wegen der rettenden Nähe des Fahrzeugs wurde Silke dann aber doch hektisch. Der Mann, der Silkes Rückzug bemerkt, bleibt an seinem Auto stehen und sagt: „Morgen ist Samhain. Sie kennen es als Halloween. Bitte hören Sie mich an. Es ist sehr wichtig! Sie haben da etwas ausgelöst, das vielleicht schwer zu begreifen ist. Sie müssen mir glauben.“

Sie lächelt den Mann noch einmal an, um die Situation auf den letzten Metern abzusichern. Obwohl dieser sich nicht von der Stelle gerührt hat, ist Silke glücklich, sich in ihrem Wagen in Sicherheit zu wähnen. Da wird sie in der nächsten Therapiestunde was zu erzählen haben! Sie blickt hinab und lächelt, obwohl die Hand zittert, denn sie ist in Sicherheit. Silke startet den Wagen und ordnet per Sprachsteuerung an, die Türen zu verriegeln. Eine computergenerierte Stimme fragt: „Wollen Sie die Polizei informieren? Oder wollen Sie eine andere Person kontaktieren?“

Silke spielt kurz mit der Idee, aber sie müsste viel erzählen und womöglich würde ihr etwas herausfallen, was die Polizei nun gar nichts angeht. Und wieder beschließt sie mit einem „Nein“, die rufschädigende Geschichte für sich zu behalten. Der Mann steht weiterhin unverändert an der Seite seines Autos und blickt fast flehentlich zu Silke. Trotz des reflektierenden Lichts auf Silkes Windschutzscheibe, kann Dagos Silkes ängstlichen Gesichtsausdruck ausmachen. Er ruft ihr noch einmal zu: „Sie finden mich im Gasthof zum Grünen Baum. Bitte, wir dürfen keine Zeit verlieren!“

Silke kann nicht zurücksetzen, der Parkplatz ist eine Sackgasse. Sie muss an dem seltsamen Typ vorbei. Noch immer erscheint ihr das Risiko den Wagen bei dem Fahrmanöver zu schrammen, zu groß. Also gibt Silke dem Mann noch eine Chance, das Auto wegzufahren, bevor sie doch die Polizei rufen würde. Dies vermittelt Sie mit einem Hupen. Zu ihrer Erleichterung steigt der Mann tatsächlich in seinen Wagen und fährt davon.

Mit dem Gefühl des Sieges über die seltsame Situation und die eigene Angst fährt Silke nach Hause. Sie beschließt, den ganzen Tag als Pechtag abzutun. Als sie das Ortsschild passiert, drückt sie richtig auf das Gas. Das Auto beschleunigt, noch bevor sie den Wald erreicht, auf 120 Stundenkilometer. Das graue Mondlicht legt sich matt über die waldige Landschaft in der Ferne. Die gruselige Szenerie passt zu dem Halloweenfest, aber Silke hat nun genug von mysteriösen Ereignissen. Sie will nur noch ein Bad nehmen und in ihr Bett sinken.

Doch der Nebel ist heute besonders stark und verschiebt ein schnelles Heimkommen nach hinten. Dicker Nebel ist hier in der Nähe des Rieds zu dieser Jahreszeit keine Ausnahme, sondern die Regel. Der hohe Taupunkt, so erklärte es Silke einst ein Meteorologe in einer feuchtfröhlichen Nacht mit einem Annäherungsversuch, macht das Wasser in der Luft sichtbar.

Der Nebel ist so stark, dass Silke das erste Mal in ihrem Leben ihre Nebelscheinwerfer einschaltet. Trotz der hohen Leuchtkraft vermögen auch sie die Dunstwand kaum zu durchbrechen. Fluchend bremst Silke die Geschwindigkeit des Autos weiter herab.

Sie könnte jetzt schon daheim sein, wenn der vermaledeite Nebel sie nicht aufhalten würde. Silke kannte die Strecke auswendig, es sind nur noch zwei Kilometer

Sie glaubt, dass sie den Wald bereits verlassen haben müsste, doch die geringe Sicht überlässt sie der Ungewissheit. Mit gefühlter Schrittgeschwindigkeit schleicht Silke in ihrem Fahrzeug über die Landstraße.


Den Wunsch nach einer Zigarette verspürte sie seit Jahren nicht mehr, doch in diesem Augenblick kam ihr die Idee in den Sinn. Die Sucht überwand Silke mit der Zwangspause anlässlich der Schwangerschaft mit Ben, doch der Wunsch hallte noch Jahre nach. Die schwere Lösung davon kommt ihr in diesem Augenblick wieder in Erinnerung. Silke hinterfragt den Grund, bis ein bizarres Geräusch sie ablenkt. Es durchstößt die Luft mit zunehmender Intensität. Doch die Schallwellen scheinen in ihrer Ausdehnung gebremst und so quält sich das Geräusch durch den Äther, als würde es aus einem begrabenen Lautsprecher stammen. Silke fragt sich, ob der Nebel so etwas verursachen kann. Das Geräusch wiederholt sich mit steigender Intensität, und doch scheint Silke die Reihenfolge der Töne umgekehrt gehört zu haben, wie sie es noch von den alten Tonbändern kennt, die man rückwärts abspielen konnte. Mit zunehmender Lautstärke erinnern die Laute Silke an etwas. Eine allgemeine Bekanntheit liegt hinter einem gedanklichen Schleier, wie der Name eines Schauspielers, auf den man nicht kommt und der erst viel später wieder abrufbar ist. Doch mit einem Schlag erkennt Silke das Geräusch der Sirene.

Dieses eigentlich erleichternde Gefühl des Wiedereinfallens mischt sich noch im Bruchteil der Sekunde mit der Gewahrwerdung der antizipativ unangenehmen Folgen des Martinshorns des Polizeiwagens, der hinter ihr zum Stehen kommt und sie zum Anhalten auffordert. Doch Silkes Schockzustand ist allein dem verschwundenen Nebel geschuldet. Selbst hastige Blicke in alle Richtungen tragen nicht zur Aufklärung des Phänomens bei.

Das blaue Licht, das im Rückspiegel ihres Wagens aufleuchtet und die Umgebung in eine Diskothek verwandelt, bündelt Silkes gesamte Aufmerksamkeit. Ihre Gedanken drehen sich um einen Abgrund, der sich nun deutlich abzeichnet. Silke scheut jedoch den Blick hinab. Es ist ihr einfach unmöglich, diese Tatsache zu akzeptieren. Nur auf diese Weise gelingt es ihr, über den Zustand ihrer äußerst fragilen Realitätsvermutung hinwegzusehen, wenngleich sie sich fragt, wie lange sie der angenagte Boden unter den Füßen noch tragen kann.

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Ich bin Cobromaro, Schüler des Attrebcottus - des großen Druidenmeisters und Kenners des Ululators. Ich wurde von den Göttern berührt. Ich bin Druide, Vates, Drumaros, Bezwinger von Rom, Kenner der Heilgewächse im Namen von Epona, Offenbarter der Macht des Sonnengottes Lugh, genannt Feuerlehrling, Kenner des Geheimnisses des Gottes Taranis und schreibender, gottloser Philosoph.

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