Was bisher bei ‘Der Wunsch‘ geschah:

Teil I – Der verwunsche Wunsch

Teil II – Nev brechtu, Druid! Cluto-Cluto Urtucis

Teil III – Jugendlicher Wahn

Teil IV – Im Angesicht des verfluchten Wunsches

Teil V – Halloween 2021


Dagos sucht mit Silke den Ort auf und stellt fest, es ist ein heiliger Ort der frühreren Kelten in dem Ort Waller. Dagos weiß um den Wunschzauber und die tödlichen Folgen, die ein Anruf des Pucas nach sich ziehen. So muss er Silke offenbaren, dass ihr Sohn den nächten Tribut für ihre Jugend zahlen wird. Denn die Macht von Halloween wird noch eine weitere Nacht anhalten.

Teil VI – Druide Abancos und Kaiser Konrad II

Dagos weiß keine Antwort auf die Frage danach, wie man es aufhält. Diese Frage hatte er sich nie gestellt. Er ist geübt darin, es den Menschen auszureden, ihren Wunsch zu Samhain in die Geisterwelt zu schreien. Nie hatten weder er noch sein Druidenmeister darüber nachgedacht, den verursachten Schaden wieder herzustellen. Schließlich taten die Menschen dies bis zu diesem Tag aus Absicht, nicht versehentlich.


Aber auch das war eher theoretischer Natur, denn er rechnete nicht damit, dass es tatsächlich passieren würde. So fällt zu Silkes Entsetzen der Satz: „Ich weiß es nicht.“

Silke droht innerlich zu zerbrechen und schreit Dagos an: „Wir müssen doch etwas tun können, egal was! Liegt es am Geld, ich kann Dich bezahlen. Ich kenne sogar den Bürgermeister persönlich. Was es auch ist, ich mache es für Dich möglich. Du musst mir nur helfen!“

Dagos ist gerührt, doch ihm will nichts Sinnvolles zur Lösung einfallen. Alles dreht sich um die eine Legende, wonach Puca sich mit den Resten auf dem Feld nach der Ernte zu Samhain begnügt. Konnte es so einfach sein? Kann man ihn mit Resten der Felder abspeisen? Oder ist das eher symbolisch gemeint? Schließlich sind die alten Geschichten voller Symbole. Da lobt sich Dagos die Wissenschaft oder Mathematik, da gibt es strenge Regeln und diese Herangehensweise lässt wenig Raum für Spekulation. Aber man gibt das Wissen auch nicht als verbales Bild weiter.

Die Sekunden vergehen, in denen Silke Dagos eindringlich anblickt und ihn stummschreiend auffordert, zu handeln. Ihre Augen verlangen ein ‚sofort‘ von ihm.

„Ich muss mich erst informieren. Ich muss telefonieren“, überlegt Dagos laut und erhebt seinen Zeigefinger als Symbol, dass sich Silke in Geduld üben muss.

Dagos zückt sein Handy und ruft seinen wichtigsten Kontakt für solche Gelegenheiten an: seine Ex-Frau Kendra. Es braucht etwas Überwindung, doch das flehende Gesicht von Silke lässt ihn die Tasten seines Telefons drücken.

Kendra liebte Dagos in den guten alten Tagen, aber sie ertrug die Situation nicht mehr. Sie wusste immer schon, dass Dagos für das Gute arbeitete, aber davon konnte man in der modernen Welt keine Rechnungen bezahlen. Als Kendras Herz noch jung war, war sie Feuer und Flamme für die Sache der Druidenschaft. Früher war es für sie ein Kompliment, dass man ihr eine anerkennende Zukunft als Druidin in Aussicht gestellt hat. Doch das Leben musste für Kendra weitergehen. Von Anerkennung allein wollte sie ihr Auskommen nicht bestreiten. Sowohl Dagos als auch Kendra erinnern sich noch heute voller Ungemach an die heftigen Diskussionen, die ihre Stelle als Pflegekraft mit sich brachte. Seit der Trennung pflegte man höchstens noch ein tolerierendes Auskommen miteinander, das man auf ein Minimum reduzierte. Deshalb war dieser Anruf für Dagos ein Canossatischer Gang und ein drastischer Einschnitt in das bisherige Auskommen mit Kendra. Schließlich wollte er ihre Hilfe und rechnete damit, dass er zu Kreuze kriechen müsste.

Entsprechend unfreundlich ist der Empfang: „Was ist, Dagos?“

„Ich brauche Deine Hilfe bei einer Sache?“, sagt Dagos mehr unsicher als selbstbewusst, denn er will dem bisherigen Zwist mit Ehrlichkeit entgegenwirken.

„Du rufst mich an, um mich zu fragen, ob Du meine Hilfe brauchst?“, echauffiert sich Kendra künstlich.

„Nein, ich brauche Deine Hilfe“, antwortete Dagos immer noch zurückhaltend, fast devot. Doch von einem Satz auf den nächsten ertönt: „Hilfst Du mir oder nicht?“

Es war ein Rat in Frauendingen, den Dagos‘ Meister ihm einst gab: ‚Man darf sich nicht alles bieten lassen. Niemand. Nie. Nirgends. Irgendwann muss man sich erheben. Mal auf den Tisch schlagen.‘ Der Rat hatte seinen Ursprung im Politischen, aber sein Meister hatte ihn generalisiert. Diesem Rat kam er nun nach.

Das akzeptierte Kendra, aber sie konnte sich ihren Emotionen nicht so einfach entziehen. Daher ging es noch recht barsch, aber etwas freundlicher weiter, als Kendra konkretisierend fragt: „Wobei helfen?“

Dagos kann seine Faszination nicht mehr zurückhalten und schwärmt: „Wir haben hier eine Erfüllung eines Puca-Wunschs. Es war genauso wie es der Meister immer erzählte. Die Welt stand still und die Menschen waren verschwunden. Es war bombastisch, es war echt der Oberhammer.“

Endlich konnte Dagos seiner Ex-Frau mit seinem Lebensstil und seiner Aufgabe in der Welt imponieren. Und Kendra ist beeindruckt. Bislang hört sie nur halb zu, aber jetzt wird ihr klar, was sie verpasst hat: „Du hast einen Dimensionssprung erlebt?“

Alle bösen Worte waren vergessen, das alte Glück scheint wie am ersten Tag zu glänzen, als er bekräftigt: „Ja, es ist alles wahr. Es war unvorstellbar.“

Sein Grinsen, das er im Gesicht trägt und das sich Kendra gerade vorstellt, kennt sie aus den Anfangszeiten ihrer Ehe. Doch dann musste Dagos der Freude darüber einen Dämpfer versetzen: „Es geht um eine Frau, sie hat sich ihre Jugend zurückgewünscht und nun ist ihr Mann tot. Er hat ihre Jugend mit seiner Lebenszeit bezahlt.“

Kendra bleibt still. Doch nicht wie Dagos es sich vorstellt, um ihre Fassung ringend, sondern um zu überlegen. Sofort kreisen ihre Gedanken um eine Geschichte, von der sie einst las. Eine Geschichte von einem ähnlichen Fall, der sich vor fast 1000 Jahren ereignete.


„Kennst Du die Geschichte vom Kaiser Konrad II?“, fragt Kendra, was Dagos negiert. „Du hättest Dich mal mehr mit den Büchern beschäftigen sollen“, wirft sie ihm vor. Das lässt Dagos unkommentiert stehen und wartet auf die Geschichte, die Kendra allerdings gerne vom Stapel lässt – das war ihr Steckenpferd: „Konrad II war der erste Kaiser aus dem Haus der Salier. Er wollte seine Macht ausweiten, wofür er sich Kraft und Jugend wünschte. Doch dieser Wunsch kostete ihn seine engsten Vertrauten und sein Leben. Es heißt, sein Tod ist eine Folge seines Wunsches nach Kraft und Jugend. Er hoffte, seine Behinderung damit zu umgehen, die er sich in der Schlacht zugezogen hatte. Er hatte einen Berater, den Zauberdruiden Abancos. Dieser hatte die Druidenschaft hinter sich gelassen und seine Macht dem Adel gegen Geld angeboten. Dieser Abancos riet Konrad II, er solle am 30. Oktober 1039 kurz nach Sonnenuntergang auf dem heiligen Berg ‚Bussen’ seinen Wunsch aus tiefstem Inneren herausbrüllen und der Puca würde ihn erhören. So könne er einen Wunsch erfüllt bekommen. Doch was er dem Kaiser verheimlichte, war, dass die Macht des Pucas nicht über die magische Zeit des Weltenbruchs hinaus Wirkung entfaltete. Der Kaiser folgte den Anweisungen und der Puca erschien. Konrad II wünschte sich Jugend und die Sachsen selbst im Felde besiegen zu können. Doch der Puca verwies auf den Vertrag mit den Menschen, wonach er nur einen Wunsch erfülle. Der Puca lachte den Kaiser aus, wenn er zwei Wünsche wolle, solle er in 491 Jahren wiederkommen. Der Kaiser wünschte sich also Jugend. Doch der Zauber währte nur bis zu Allerheiligen. An dem Tag erwachte der Kaiser wieder als alter und gebrechlicher Mann. Er starb wenige Tage später, so heißt es, gramgebeugt über seine Torheit, dem unchristlichen Druiden zu glauben. Es heißt, er habe mehr bezahlt, als er bekommen habe. Was genau das heißt, steht nicht in den Chroniken. Um die Geschichte zu verheimlichen, starb er nach den Urkunden bereits ein halbes Jahr früher – im Juni. Alle Zusammenhänge zwischen dem Druiden, dem Puca und dem Kaiser Konrad II konnten, mit Verweis auf sein Ableben, in Abrede gestellt werden. Ein wahres Totschlagargument! In der offiziellen Geschichtsschreibung wurden nie die wahren Todesumstände erwähnt. Die stehen nur in unseren Chroniken“, schließt Kendra ihren Vortrag.

Dagos weiß nicht recht, was Kendra ihm mit der Geschichte sagen will und fragt hilflos: „Also hilfst Du mir?“

Kendra hat durch die Erzählung der Geschichte, die sie früher verschlang wie andere Popcorn im Kino, wieder Feuer für diese Arbeit gefangen. Sie muss dabei sein und ihre Notizen durchsehen. Daher würgt sie Dagos Anruf mit einem „Okay“ fast ab.

„Warte mal. Was heißt das denn jetzt?“, fragt Dagos und Kendra fügt ihrem Einverständnis eine Hilfestellung hinzu: „Geh zum örtlichen Stadtarchiv und suche nach einer Geschichte, die dazu passt. Vielleicht finden wir etwas über die Gabe, die der Puca wünscht.“

Dagos Herz pocht, als Kendra ‚wir‘ sagt. Könnte er hoffen, sie wieder an Bord zu holen?

Mit einem unangebrachten Lächeln auf den Lippen, das Silke protestlos irritiert, fasst er das Gespräch für Silke zusammen: „Wir müssen ins Stadtarchiv. Wir müssen herausfinden, was die Überreste auf dem Feld nach der Ernte für den Puca sind.“

Silke versteht nicht, was Dagos meint, aber sie vertraut ihm. Schließlich ist Dagos ihre einzige Hilfe.

„Du meintest, Du kennst den Bürgermeister. Vielleicht auch den Stadtarchivar?“, erkundigt sich Dagos bei Silke.

„Klar“, ruft Silke aus, „die ganze Truppe ist mir bekannt.“


Vor allem aber ist ihr bekannt, wie der ältere Herr Stadtarchivar seinen Sonntagnachmittag verbringt. Silke führt Dagos mit den Worten, „Mal sehen, ob es stimmt, was die Leute sagen“, den Weg hinter die Kirche hoch.

„Er geht heimlich in die Kirche? Hat er eine Geliebte?“, witzelt Dagos mit einem ehrlichen Interesse am düsteren Geheimnis des Stadtarchivars. Das quittiert Silke mit einem prustenden „Ach was!“ und weist ihm den Weg zum Schild mit der Aufschrift ‚Stadtarchiv‘.

„Ehrlich? Das ist das schreckliche Geheimnis? Deswegen zerreißt man sich hier das Maul? Weil jemand am Sonntag seiner Arbeit nachgeht? Weil es für die Katholen ein heiliger Tag ist, oder weswegen?“, fragt Dagos mit einem sozialkritischen Kern, ummantelt von einer glänzend lackierten Zurschaustellung der eigenen überhöhten Kultiviertheit. Solche Momente genießt Dagos. Doch Silke entzieht Dagos‘ Überheblichkeit den Wind unter den Flügeln: „Weil man nicht weiß, was er am Sonntag hier macht!“

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Ich bin Cobromaro, Schüler des Attrebcottus - des großen Druidenmeisters und Kenners des Ululators. Ich wurde von den Göttern berührt. Ich bin Druide, Vates, Drumaros, Bezwinger von Rom, Kenner der Heilgewächse im Namen von Epona, Offenbarter der Macht des Sonnengottes Lugh, genannt Feuerlehrling, Kenner des Geheimnisses des Gottes Taranis und schreibender, gottloser Philosoph.

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